"[...]Ich weiß nur: Von Zeit zu Zeit erhebt sich in meiner Seele ohne äußere Ursachen die dunkle Welle. Es läuft ein Schatten über die Welt, wie ein Wolkenschatten. Die Freude klingt unecht, die Musik schal. Schwermut herrscht, Sterben ist besser als Leben. Wie ein Anfall kommt diese Melancholie von Zeit zu Zeit, ich weiß nicht in welchen Abständen, und überzieht meinen Himmel langsam mit Gewölk. Es beginnt mit Unruhe im Herzen, mit Vorgefühl von Angst, wahrscheinlich mit nächtlichen Träumen. Menschen, Häuser, Farben, Töne, die mir sonst gefielen, werden zweifelhaft und wirken falsch. Musik macht Kopfweh. Alle Briefe wirken verstimmend und enthalten versteckte Spitzen. In diesen Stunden zum Gespräch mit Menschen gezwungen zu sein ist eine Qual und führt unvermeidlich zu Szenen. Diese Stunden sind es, wegen deren man keine Schießwaffen besitzt; sie sind es, in denen man sie vermisst. Zorn, Leid und Anklage richten sich gegen alles, gegen Menschen, gegen Tiere, gegen die Witterung, gegen Gott, gegen das Papier des Buches, in den man liest, und gegen den Stoff des Kleides, das man anhat. Aber Zorn, Ungeduld, Anklage und Hass gelten nicht den Dingen, sie kehren von ihnen allen zurück zu mir selbst. Ich bin es, der Hass verdient. Ich bin es, der Missklang und Hässlichkeit in die Welt bringt.[...]"
Aus: Hermann Hesse - Das Leben bestehen
Krisis und Wandlung
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Egal wie schnell und egal wohin du fliehst. Es gibt keinen Ort, der sicher genug wäre, dich vor jenen Gedanken zu schützen, die du nicht denken willst. Kein Ort, der weit genug entfernt wäre von den Dämonen, die in dir schlummern. Weder die Arme deiner Liebe, noch das Gespräch mit einem guten Freund. Weder die warme Hand deiner Mutter, noch die dunkelste Ecke dieser Stadt kann dich vor dem bewahren, was dich regelmäßig heimsucht.
Egal wie häufig du konsumierst, kollabierst, rehabilitierst. Sie tricksen dich aus, machen dir vor, es sei überstanden. Verschwinden für Tage, Wochen, Monate, tarnen sich. Gekonnt, halbwegs geschickt, Vorhänge zu.
Bis die Bühne deiner Gedanken wieder ihnen gehört. Ihnen und ihren sadistischen Spielchen. Ihrer Zerstörungswut, ihrem Hunger nach dir und allem Guten.
Spiel ohne Regeln, kein vorzeitiger Kampfabbruch. Solange bis es in Round 3 heißt: Knock Out. Hin und wieder gelingt es dir, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Den Spieß umzudrehen, mit nicht halbwegs gleicher Intensität, mehr verzweifelt als vernichtend.
Egal wieviele illegale Waffen in der Schublade neben deinem Bett lagern. Im Badezimmerschrank oder unter dem Sofa. Du kannst sie nicht töten. Nicht quälen, so wie sie dich quälen. Nichtmal fesseln kannst du sie, denn dein Strick baumelt um deinen Hals. Und die Schlinge zieht sich weiter zu. Fast wie von allein, Macht der Gewohnheit.
Aufgeben wird nicht gern gesehen. Verurteilt, als "feige" abgestempelt. Wahre Helden geben nie auf, kämpfen weiter, bis zum bitteren Ende. Bitter ist in diesem Fall dezent untertrieben. Scheiß aufs Held-Sein, scheiß auf das Lob, den Ruhm. Manchmal ist es besser, den Wichsern, die dich quälen entgegen zu treten. Mit bloßen, leeren Händen und erhobenem Haupt. Nicht auf Gnade hoffen, lernen sie zu besiegen. Das Leid leiden, den Zorn leben und die Tränen weinen. Hundertausend Male. Und jedes Mal wird´s besser.
Und wenn nicht, dann nächstes Mal.

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